Elegie

Wie unter bleiernem Himmel der Rauch
träge über das traurige Land zieht,
so schwebt meine Seele auch,
die tief hinab sinkt.
Schwebt, nicht schwingt.

Du harte Seele, du sanfte Phantasie!
Folgst du der Wirklichkeit schweren Spuren
bis hin zu dir, wo du geboren —
schau nieder hier!
Hier, wo unter seichtem Himmel die kahlen
Brandmauern einsam ragen,
fleht und droht
die gleichgültige Stille der Not,
löst die verkrusteten Schmerzen
von den sinnenden Herzen
und vereint
millionenfaches Leid.

Hier keimt
die ganze menschliche Welt. Trümmerhalden.
Wolfsmilch öffnet zählebig
in öden Werkhöfen ihre Dolden.
Auf fahlen Stufen steigen
die Tage brüchige Fensterscheiben
hinab in das klamme Halbdunkel.

Sprich!
Von hier bist du,
daß dieses düstre Verlangen
dich ständig festhält,
wie all die Elenden zu sein,
aus denen diese Zeiten schrein,
die Gesichter gezeichnet, entstellt?

Hier ruh dich aus, wo dies gefräßige System
morsche Bretterzäune umstehn
und behüten,
geifern, wüten.

Erkennst du dich? Hier erwarten die Seelen
eine durchkonstruierte, beständige, bessere Zeit
so leer, wie sich unbebaute Flächen quälen
im dumpfen, selbstvergessenen Traum
von lärmender Geschäftigkeit
und hohen Häusern. Ihr geschundenes Gras
beschaut schlammverkrustetes Glas
mit glanzlosen, starren Augen.
Ein Fingerhut Sand rieselt zuweilen
von den Halden. Drüber schwirren, eilen,
blaue, grüne oder schwarze Fliegen,
die von feineren Gegenden hierherziehen
Plunder und
Schutt.
So hat Mutter Erde auch hier gedeckt, dass
sie auf eigene Art
ihre Zinsen abzahlt.
In einem Eisentopf wächst gelbes Gras.

Ist dir bewußt,
welchen Bewußtseins kärgliche Lust
dich zieht und lockt, niemals von hier zu scheiden
und welch reiches Leiden
dich hierher stößt?
So flüchtet zu seiner Mutter der Sohn,
der in der Fremde nur Schläge fand und Hohn.
Wirklich
kannst du nur hier lächeln, nur hier weinen.
Hier nur bist du mit dir selbst im reinen,
o Seele! Dies ist mein Land.
 

 

Elegie

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Martin Bischoff
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