László Benjamin
Mehr als Erinnerung

Immer öfter denk ich jetzt an meine einstigen Meister,

an die verstummten Männer, die meine Jugend überragten,
verwittert und würdevoll wie jahrhundertalte Bäume.
Keine Helden waren es, keine Märtyrer, keine Führer,
schlichte Seelen in der Uniform der Armut,
die das Handwerk verstanden und die Natur der Materie,
sie arbeiteten, solange sie lebten, und starben unbemerkt,
keine Steine bewahren ihre Worte, keine Lieder ihre Namen.
Um sie zu sehen, muß ich meine Augen nicht schließen,
klar sind ihre Konturen im Dunst der Legenden und Nostalgien.
Zuweilen erkenne ich sie in meinen Gesten und Reden.
Mit ihnen saß ich am Tisch der freigebigen Armut,
über mich gebeugt führten sie meine Hand beim Erlernen desHandwerks,
unter ihrer Obhut und an ihrer Seite wurde ich erwachsen,
ihre Leben öffneten sich vor mir wie auch ihre Türen.
Ich liebte sie wegen ihres Charakters, ihrer gradsinnigen, genauen Sprache,
ihre Geschicklichkeit in der Arbeit, ihre Standhaftigkeit im Kampf
zwangen selbst ihren geborenen Feinden Achtung ab.
In den Vorstandwüsten, in den seelenlosen Betrieben,
in der Schmach des Krieges, im Niemandsland zwischen Sein und Nichtsein
verkörperte sich in ihnen Menschlichkeit, um die sie täglich rangen,
und sie trugen ihren Teil an den Schmerzen und Freuden.
Sie kannten die Untreue nicht, die Selbstaufgabe, das ratlose Hin und Her
zwischen Kneipentischen und gauklerischen Sternen,
auch nicht die unerträgliche Schande der Einsamkeit.
Selbst geschlagen bekannten sie, bekannten mit ihrem ganzen Leben:
Immer findet der wahre Mensch seine Aufgabe und Gefährten.
Ihr kritischer Blick folgt mir auch über die Gräben des Todes hinweg,
mit ihren Augen betrachte ich meine Arbeit, messe mich an ihnen
und an ihnen die sich wandelnde Welt. Mehr als Erinnerung sind sie mir.
Immer häufiger denk ich an sie, erkenne sie wieder und wieder
im Land, das aus den Liedern ausgespart, in den wahren Menschen,
die auf die
letzten Fragen mit ihrem ganzen Leben Antwort geben.

Nemzetközi Költöi Almanach
(Internationaler Almanach der Poesie)

Arion

Impressum:
Martin Bischoff
Staufenbergstr. 26
D-37449 Zorge

Mail an Martin Bischoff